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Durch die Wüste

Wenn der Pianist Matthias Kirschnereit von der Wüste Namibias erzählt, leuchten seine Augen.

 

Herr Kirschnereit, vom westfälischen Dorsten, wo Sie 1962 geboren wurden, nach Namibia und zurück nach Deutschland, nach Detmold. Wie ging das?

Matthias Kirschnereit: Tja, was für Brüche! Mein Vater ging in den Siebzigern als Gemeindepastor nach Namibia, das ja früher eine deutsche Kolonie war und immer noch eine große deutsche Gemeinde hat. Nach einem Jahr wurde er zum überregionalen Bischof dort gewählt. Er war dann für das ganze Land zuständig, das immerhin zweieinhalbmal so groß wie Deutschland ist. Wir waren sehr viel unterwegs, weil er auf den Gottesdiensten präsent sein musste und die Gemeinden betreute. Für einen Jungen war es ein tolles Erlebnis durch die Wüste zu fahren!

 

Was haben Sie sich vom Leben dort bewahrt?
Matthias Kirschnereit:Eine große Naturverbundenheit und einen großen Sinn für weite Landschaften. Es war politisch eine sehr unangenehme Zeit, als wir da waren: Namibia stand unter dem Protektorat Südafrikas und es galten Apartheid-Gesetze. Da Namibia aber viel fortschrittlicher war als andere Länder dort, hat man vieles noch vor der Unabhängigkeitserklärung aufgehoben.

 

Sind Sie in gefährliche Situationen geraten?
Matthias Kirschnereit:Nein. Es gab drei Gruppen von Weißen: die Buren, die Engländer und die Deutschen, und das verhasste Regime war das Südafrika-Regime. Ich hatte den Eindruck, dass die Engländer und Deutschen von der schwarzen Bevölkerung gut behandelt wurden. Schwieriger war es wohl für die Buren, die unmittelbar das System repräsentierten. Mein Vater war als Pastor in einer Respektsfunktion: er war gleichsam Standesbeamter, Krisenmanager bei familiären Konflikten wie Trennungen und Nachbarsstreitigkeiten oder anderes. Meine Eltern hatten viele Freunde und waren sehr respektiert; zudem war das Klima sehr gesund, sehr trocken.

Mit vierzehn haben Sie Namibia alleine verlassen und sind nach Detmold an die Musikhochschule gegangen. War das ein Kulturschock?
Matthias Kirschnereit: Ja. Von der heißen trockenen Wüste in eine ostwestfälische Kleinstadt, vom Teutoburger Wald und einer sagenhaften Idylle umgeben. Rückblickend war das ein gewagter Schritt. Ich kam nach Detmold und hatte dort meine schockierenden Erlebnisse, was meine Klavierkünste anbelangt. Ich hatte ja in Namibia überhaupt keine Maßstäbe, woher sollte ich wissen, wo die internationale Messlatte liegt? Dort war man der Star.

 

Und ein Intellektueller, wenn man mal zwei Bücher liest …
Matthias Kirschnereit: Jaja, so ist das dort. (lacht) Aber ich war auch in Namibia ein Außenseiter, der Kunst sehr zugetan, über die Dinge des Lebens nachdenkend. In meiner Schule schien es nur Sonnyboys mit braungegerbter Haut zu geben, die viel Spaß hatten, Bier tranken und die Muskeln spielen ließen. Ich habe sie immer ein bisschen darum beneidet, dass bei ihnen alles so glatt zu gehen schien. Die Sehnsucht nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit, wie Thomas Mann das ausdrückt.

 

In Detmold waren Sie ganz auf sich allein gestellt …
Matthias Kirschnereit: Ich hatte das große Glück zu einer Klavierlehrerin zu kommen, die wie eine Mutter zu mir war – ich war ja erst vierzehn. Und ich musste sehr viel nachlernen. Es gibt in unserem Beruf natürliche Grenzen: In einem bestimmten Alter müssen die Gehirnschaltungen freigeschaltet sein, die Reflexe müssen einigermaßen konditioniert und der Vertrauensfaktor muss stabilsiert sein. Man kann nicht mit fünfundzwanzig anfangen ein Klavierkonzert zu spielen und dieser unglaublichen Erwartungshaltung des Publikums begegnen. Als Kind geht man unbefangen rein, mit sechzehn fängt man an, sehr stark darüber zu reflektieren und dann kommt ja meistens auch ein Bruch in der Persönlichkeit. Ich hatte mir durch meine Jugend in Namibia diese natürliche Unschuld erhalten, insofern war dies ein Vorteil. Und ich hatte nie diesen Wunderkindnimbus. Sie kennen bestimmt diesen schönen Satz von Claudio Arrau: „Die Gunst des Publikums sinkt mit dem Längerwerden der Hosen.“

 

Mit sechzehn haben Sie die Schule verlassen, um sich ganz der Musik zu widmen …
Matthias Kirschnereit: Ja, die ganze Schule war entsetzt. Und ein Lehrer sagte: „Solche Leute kennen wir, der wird später Klavierlehrer in Hintertupfingen.“

 

Haben Sie ihn zu Ihrem ersten Konzert eingeladen?
Matthias Kirschnereit: Der hat erstaunlicherweise meinen Werdegang verfolgt, denn dann stellten sich die ersten Erfolge, ersten Preise ein, und sie haben sich in gewisser Hinsicht auch entschuldigt. Es waren ja alles völlig berechtigte Gedanken, aus einem sehr deutschen, bürgerlichen Sicherheitsdenken entsprungen – verständlich, solide und richtig, aber, wie soll ich sagen, „eng“.
Ich habe durch meine Zeit in Afrika einen anderen Horizont, selbst wenn es keine besonders Klavier- oder Kunst-orientierte Zeit war. Ich habe vor allem auf den vielen Reisen ein ganz anderes Lebensgefühl kennen gelernt, habe Menschen unter sehr einfachen Bedinungen erlebt, die dennoch überlebt haben. Die Sorgen und Nöte der Menschen, wenn es etwa nicht geregnet hatte, waren mit Händen zu fassen. Hier in Deutschland ist es oft nur wichtig, dass man ein schickes Auto hat, eine Wohnung mit Parkett und abends tolle italienische Weine trinken kann. Bestimmte hochgezüchtete Probleme unserer modernen Wohlstandgesellschaft kann ich nicht begreifen.

 

Sie wirken sehr reflektiert in Ihren Aussagen. Kann der Intellekt der Intuition beim Musizieren ein Schnippchen schlagen?
Matthias Kirschnereit: Mein Zugang zur Musik ist rein intuitiv, doch ich gebe zu, durch das viele Sich-Absichern beim Einstudieren von Partituren geht ein bisschen die Frische und Natürlichkeit verloren. Ich würde mich nicht als Intellektuellen bezeichnen, aber ich spreche mit Kollegen gerne über Musik, was sehr anregend sein kann.

 

Oft geben Interpreten über Musik nur Banalitäten von sich. Kann man über Musik überhaupt etwas Kluges sagen?
Matthias Kirschnereit: Ich will gar nicht behaupten, dass es klug ist, was ich jetzt sagen werde. Wir sind uns einig, dass Musik schön ist, dass Mozart ein Genie und Bach der Gott ist. Was mich mehr beeindruckt, ist der menschliche Aspekt. Ich versuche über Musik zu sprechen, aber nicht auf eine belehrende oder analytische Art, etwa über Struktur, Periode oder Aufbau oder die Schenkersche Urlinie.

 

Was sagen Sie zu Mozart, dessen Klavierkonzerte Sie komplett aufnehmen?
Matthias Kirschnereit: Mozart ist in gewisser Hinsicht abstrakt, obwohl zu jeder Zeit sehr menschlich und voller Gestik. Aber wenn man Mozart zu konkret macht, wie etwa bei Beethoven – also das Drama, das Pathos, der Glaube an den Menschen oder das Schicksal herausstreicht -, dann entzieht er sich und platzt wie eine Luftblase. Bei Mozart interessiert mich die Geste eines Themas. Ich frage mich: Was passiert, wenn ich sie mit einem Text unterlegen würde, wie ihr Charakter ist? So versuche ich, eine klare psychlogisch-emotionale Terminologie für Mozarts Werke zu finden.

 

Teresa Pieschacón Raphael