Matthias Kirschnereit - Pianist

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Matthias Kirschnereit - Felix Mendelssohn Bartholdy




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Felix Mendelssohn Bartholdy
The Piano Concertos
Robert Schumann-Philharmonie Chemnitz, Frank Beermann

ECHO Klassik 2009, Höchstpunktzahl bei Klassik Heute, Excellentia Award (Pizzicato, Luxemburg)
Arte Nova (Sony Music)
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Press review
>> Klassik-Heute vom 08.04.2009
Rezension aus Klassik-Heute von Felix Mendelssohn Bartholdy "The Piano Concertos" mit voller Punktzahl in allen Kategorien.
Der Beginn des g-Moll-Konzerts auf CD 1, also der Einstieg in die konzertante Welt Mendelssohns, ist dazu angetan, dem Hörer im besten Sinne den Atem zu nehmen. Keine der zahlreichen Aufnahmen dieses zwischen Forschheit, mobiler Eleganz und zärtlicher Lyrik vermittelnden Werkes ist mir bekannt, die sich so energisch fordernd, so entschieden steigernd und prunkvoll schwellend bemerkbar macht wie diese mit der offenkundig nicht nur gründlich vorbereiteten Chemnitzer Robert Schumann-Philharmonie. Das Orchester wirkt vielmehr inspiriert, freudig beteiligt an allen Aktionen des Solisten. Daher wird man folgern können, dass der Dirigent Frank Beermann wertvolle Arbeit und in einem Programmpunkt auch Pionierarbeit geleistet hat.

Matthias Kirschnereit – Preisträger u.a. des Zürcher Géza Anda-Wettbewerbs – wirft sich mit starkem Ton in die aufgeregte Orchesterbrandung, zeigt unmissverständlich, wie entschieden es bei Mendelssohn um flimmerndes Brio geht, um geistvolles Auf- und Ab auf den schwarzen und weißen Tasten. Kirschnereits überzeugende Gesamtdarstellung der Mozart-Klavierkonzerte in Erinnerung (KV 175 – KV 595 / Arte Nova 82876 82576 2), mochte ich bei Erhalt der Mendelssohn-Post noch etwas zweifeln, wie sich dieser ernsthafte Musiker mit den windigen Ecksätzen der drei vertrauten Konzerte zu erkennen geben würde. Und daher noch einmal: Kirschnereit fegt mit höchsten „Tourenzahlen“ durch das lebensfrohe Terrain, vergisst dabei keinesfalls, die Ruhepunkte vorzubereiten, sie sinngebend anzusteuern, um sich dann im Folgenden mit schönem, plastisch-leisem, keinesfalls nur säuselndem Klavierton ein wenig Rast zu gönnen. Die raschen und im Ernstfall kühn forcierten Passagen sind in dieser Einspielung mit einem Elan, mit einer Kraft (und Präzision!) inszeniert, die nicht nur keinen Vergleich zu scheuen brauchen, sondern ein gutes Stück über Einspielungen etwa mit András Schiff, Cyprien Katsaris oder Elisabeth Leonskaja hinausgehen. Rudolf Serkins Version ähnelt in dieser Hinsicht verwegener „Kirschnereiterei“ noch am ehesten, aber der Deutsche – übrigens in Namibia aufgewachsene – Kollege leistet die feinmechanisch ausgefeilteren Dienste an den beiden Partituren op. 25 und op. 49.

Mit den drei bekannten Klavierkonzerten ist der hohe Wert dieser Edition keineswegs erschöpft. In „Weltersteinspielung“ bieten Kirschnereit und die Chemnitzer ein e-Moll-Klavierkonzert, dessen Fertigstellung der Komponist zugunsten des Violinkonzerts op. 64 aufgegeben hatte. Die beiden ersten Sätze sind mit skizziertem Orchesterpart und der brillanten Klavierstimme, sowie mit einer kurzen Überleitung zum Finale überliefert. Der Mendelssohn-Forscher Larry Todd rekonstruierte die beiden Sätze, sorgte ergänzend für die Aufführbarkeit und wagte es, für den dritten Satz das Finale des erwähnten Violinkonzerts sozusagen zu entwenden. Als ich dies dem Begleitheft entnahm, musste ich unwillkürlich an den russischen Trompeter Sergei Nakariakov denken, den ich vor ein paar Jahren beim Lockenhauser Kammermusifest mit eben diesem Lieblingsstück der Geiger „fremdblasen“ hörte. Todd hat für den Pianisten beste Arbeit geleistet! Dieser spritzige, springlebendige Satz funktioniert auch auf dem Klavier – zumal dann, wenn ein Musiker wie Kirschnereit die Gabe hat, seine Finger, seine Hände sicher, trickreich und redselig durch einen gewissermaßen eng geflaggten Klavierslalom zu dirigieren.

Oft sind ja vergessene, beiseite gelegte Stücke namhafter Komponisten aus der Versenkung geholt oder auch ergänzt worden (Mahler, Schubert!) – meist mit begrenztem Erfolg. Dieses dritte (bzw. vierte) Klavierkonzert jedoch könnte ein Repertoire-Stück werden!

Link zu Klassik Heute
http://www.klassik-heute.com/kh/3cds/20090408_19227.shtml

>> Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.01.2009
Das Unvollendete - hier ist`s vollendet
Klaviermusik für die vierte Jahreszeit: Der Kissinger "Winterzauber" eröffnet das Mendelssohn-Bartholdy-Jahr
Das Unvollendete - hier ist`s vollendet

Klaviermusik für die vierte Jahreszeit: Der Kissinger "Winterzauber" eröffnet das Mendelssohn-Bartholdy-Jahr.

Das Unvollendete in der Musik zieht sie alle magisch an: Forscher, Wissenschaftler, sogar gestandene Komponisten.

Man denke nur an Heinz Holliger, der für Alban Bergs Oper "Lulu" den dritten Akt aus Bruchstücken, Particell-Notierungen, Analogiebildungen und eigenen Imaginationen "herstellte" - dieses Wort wählte er für seinen gerühmten Dienst am Kunstwerk. Ein weiteres signifikantes Beispiel für nachschöpferisches Dienen wäre Deryck Cookes Fertigstellung von Gustav Mahlers zehnter Symphonie. Trotzdem haben aberselbst diese anspruchsvollen Bearbeitungen immer auch sehr kritische Bewertungen erfahren müssen. Kein Mensch, kein Forscher vermag mit letzter Gewissheit zu sagen, wie das jeweilige Kunstwerk aus letzter Hand des Künstlers ausgesehen hätte. Alle Analogieverfahren bergen immer einen Rest unsicherheit.

Was jetzt in Bad Kissingen zu erleben war, bewegt sich zwar nicht ganz auf den ästhetischen Höhen und Komplexitäten der genannten Nachschöpfungen von Holliger und Cooke, aber gerne bescheinigt man dem Herrn Professor für Musikwissenschaften an der Duke university Durham, North Carolina, R. Larry Todd, dass er mit Felix Mendelssohn-Bartholdys Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 in e-Moll der Musikwelt und fingerfertigen Pianisten ein schönes Stück für Ohren und Hände beschert hat. Allegro molto vivace, Andante und Allegro molto vivace lauten die Tempobezeichnungen der drei Sätze, wobei dem Musik- und Mendelssohn-Freund besonders der dritte Satz ziemlich bekannt vorkommt - was kein Wunder ist: Todd, ein ausgewiesener Kenner des Komponisten Mendelssohn, nahm kurzentschlossen das berühmte, ebenfalls in e-Moll stehende Violinkonzert op. 64 zur Hand , verwandelte den Solopart der Geige in einen ebensolchen für das Pianoforte - fertig war der klassische Dreisätzer, der zwar nicht ganz die Reife, kompositorische Dichte und Ausdruckskraft der beiden anderen Klavierkonzerte des Komponisten, dem in g-Moll op. 25 und in d-Moll op. 40, erreichen mag, der jedoch gerade in Verbindung mit dem Violinkonzert ein größeres Interesse beanspruchen darf.

Thematische Identitäten und Anklänge finden sich nämlich auch in den beiden ersten Sätzen des dritten Klavierkonzerts zum Violinkonzert op. 64. Beide Werke entsstanden zeitlich fast paralell. Zwischen dem ersten Entwurf des Violinkonzerts 1838 und dessen Vollendung 1844 schob sich 1842 die Beschäftigung mit dem dritten Klavierkonzert, für das Mendelssohn ein Angebot aus London erhalten hatte. Das Werk wurde jedoch nicht vollendet, nur der Entwurf für die ersten beiden Sätze liegt vor. Der Komponist überführte aber etlich thematische Materialien, wie das zweite Thema des ersten Satzes, in das Violinkonzert; ein Verfahren, das speziell in früheren Zeiten durchaus üblich war. Es kann kein Sündenfall sein, eigene Ideen zu zweiten Mal zu verwenden, zumal wenn der Komponist sein unfertiges Werk für sich weggelegt hat. Mit dem Enthusiasmus späterer Musikforscher und deren Ehrgeiz, mit dem Namen des Komponisten sich selbst einen Namen zu machen, braucht ein Künstler, in diesem Fall Mendelssohn-Bartholdy, nicht zu rechnen.

Einen Namen hat sich R. Larry Todd allerdings nicht erst mit dem dritten Klavierkonzert gemacht. Seine Mendelssohn-Biographie "A Life in Music", die 2003 erschien, gilt als Standard-Werk und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Für die Rekonstruktion des dritten Klavierkonzerts benutzte er des Komponisten Autograph-Particell sowie eine von Amadeus Eduard Anton Henschke zwischen 1847 und 1853 angefertigte handschriftliche Kopie von Mendelssohns Entwurf, die nach dem Tod des Komponisten an dessen Witwe dem Mendelssohn-Schüler und -Freund Niels W. Gade übergeben wurde, mit der Bitte, das Werk zu vollenden. Gade unterließ jedoch die weitere Bearbeitung und schenkte das Manuskript dem Kopenhagener Musikdirektor Wilhelm Rubner. Man erkennt an der verzweigten Geshcichte, dass ein Musikforscher auch kriminalistische Instinkte entwickeln muss, um zum Ziel zu gelangen.

Dass R. Larry Todds Bemühungen dem Klavierrepertoire ein interessantes, für die künstlerische Entwicklung Mendelssohn-Bartholdys aufschlussreiches Werk gewonnen haben, davon konnte man sich bei der Uraufführung in Bad Kisisngen überzeugen. Das Konzert fand zum Abschluss des "Kissinger Winterzaubers" statt, eines umfang- und abwechslungsreichen "Festivals zur 4. Jahreszeit". Zugleich gedachte man dabei der Wiederkehr des zweihundertsten Geburtstages des Komponisten in diesem Jahr.

Begleitet von der Staatskapelle Weimar unter der Leitung von George Pehlivanian, präsentierte sich der pianist Matthias Kirschnereit als genuiner Mendelssohn-Interpret. Melodische Eleganz und federnde Virtuosität verbanden sich mit zarter Andante-Expressivität im Mittelsatz. Feinster Mendelssohn überall, auch im Orchester. Im Finalsatz durfte sich der Zuhörer auf eine fast surreale Weise als Doppelspielpartner fühlen: Im Geiste hörte er im Klavierspiel unentweg die Geige mit. Das wirkte nun schon wie ein dunkel-romantisches, hoffmanneskes Spiegelverwirrspiel: Eine Musik verliert Ihre Identität und erhält in fast dämonischer Verzauberung umgehend eine andere.

Reizvoll wäre auch: eine Einrichtung des dritten Klavierkonzerts für Orchester, Pianoforte und Violine. Ein Doppelkonzert also. Für den nächsten "Winterzauber". Post scriptum: Bitte nicht für Schuberts "Unvollendete" noch zwei Particelle in irgendwelchen Archiven aufspüren und mit Noten auffüllen. Unvollendetes kann auch vollendet sein.

(Gerhard Rohde, Frankfurter Allgemeine Zeitung am 12. Januar 2009)